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Silvio Schirrmeister

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08.09.2015 |

Es sind die guten Zeiten........

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„Es sind die Guten Zeiten, die uns am Ende noch erhalten bleiben und zusammen schweißen für ein Leben lang.
Es sind die guten Tage und nur die Besten der Momente bleiben dir und mir am Ende.“

Bakkushan – Alles war aus Gold aus dem Album Bakkushan

Diese Textzeilen beschreiben das, wofür wir alle Leben. Beschreiben das, was es ausmacht zu leben. Die schönen Momente. All das, was wir träumen, worüber wir gern erzählen und woran wir uns immer erinnern wollen.

Auf den Sport bezogen ist es nicht anders.
Wir alle trainieren Tag ein, Tag aus für das große Ziel. Den einen Moment. Der Moment, als Erster über die Ziellinie zu laufen. Den Moment im Stadion zu stehen, die Stille am Start zu fühlen und die Masse jubeln zu hören, wenn es um Sieg oder Niederlage geht. Der Moment, an dem sich jahrelange Arbeit auszahlt, der Moment, an dem sich alles fügt, wofür man gearbeitet und gelitten hat. Der Moment, der für immer bleibt.

Dafür habe auch ich viele Jahre gelitten, geschuftet und habe in all den Jahren mehr als nur 10 Hürden überwunden. Ich habe in meiner Laufbahn sehr viele Momente erlebt, die mich zu Fall gebracht haben. Aber ich bin aufgestanden. Immer und immer wieder. Ich habe gekämpft für meine Ziele. Ich habe mich mehr als nur einmal verändert und habe viel in meinem Leben riskiert, nicht nur beruflich, sondern auch privat. All das für den einen Moment. Der Moment, in dem ich meine Träume leben durfte.

Ich hatte das Glück einen Trainer zu haben, der es verstanden hat, mich so fit zu machen, mich so zu trainieren, dass ich viele solcher Momente erleben konnte. Für mich der beste Trainer der Welt. Wahrscheinlich der Einzige, der mich sportlich zu dem machen konnte, was ich war. An dieser Stelle vielen Dank für Alles Herr Müller. Sie haben immer an meiner Seite gestanden. Auch in diesen schweren Wochen und Monaten. Sie verstehen mich und stehen noch immer hinter mir. Ich ziehe nicht nur den Hut, sondern verneige mich vor dem, was Sie mit mir erreicht haben.
Vielen Dank!

Ich bin mittlerweile mit der besten Frau der Welt glücklich verheiratet und plane meine private und berufliche Zukunft.
Ich habe mich aus dem aktiven Leistungssport zurück gezogen mit allen Konsequenzen und ohne Kompromisse. Denn davon bin ich in den letzten Jahren zu viel eingegangen.

Wer mich kennt und meine Karriere verfolgt hat, weiß, dass ich von Anfang meiner hoch gehandelt wurde.
Ich bin im Jahr 2007 mit 50,60 Sekunden Junioreneuropameister über 400m Hürden geworden. Für viele „Kenner“ war ich bereits da am Höhepunkt meiner Karriere. Vielleicht habe ich auch deswegen nie einen Weg in eine Sportfördergruppe gefunden.
Ich hatte trotzdem Glück. Ich folgte meinem Coach 2008 nach Dresden. Ich verließ meine Heimat und meine Familie in Neubrandenburg. Ich ließ mich in Dresden nieder. Ohne Arbeit, ohne Zukunft.
Meine Existenz stand auf dem Spiel. Alles für das eine Ziel. Olympia.
Ich habe mit der Ostsächsischen Sparkasse Dresden einen Arbeitgeber gefunden, der bereit war mich zu fördern und mir Freiräume zu lassen.
Ich begann die „Duale Karriere“
Die schrecklichste Kreatur, die der Deutsche Sport geschaffen hat.
Ich begann eine berufliche Ausbildung. Das bedeutet man steht im Konkurrenzkampf mit seinen Mitstreitern im Job, bei Stellenvergaben und natürlich auch in der Entwicklung. Genau wie im Sport. Wenn man nicht 100% gibt, hat die berufliche Karriere schneller Sand im Getriebe, als man starten kann. Ich habe es trotzdem geschafft, Erfolge zu erringen. Angefangen vom Deutschen Meister über meinen Sieg bei den Team – Europameisterschaften 2013. Ich bin der erste Deutsche 400m Hürden Läufer, der bei einer Team – EM gewonnen hat und bin der erste seit der Wiedervereinigung, der überhaupt einen Europacup gewinnen konnte. Ich habe es zu einer WM geschafft und bin letztlich bei den Olympischen Spielen 2012 in London an den Start gegangen. Ich durfte mich mit den Besten der Welt messen und habe mich bis in die erweiterte Weltspitze hochgearbeitet.
Ich bin seit Beginn meiner „Dualen Karriere“ als ambitionierter Hobbysportler durch die Welt des Leistungssportes gegangen.

Ich habe einen Aufwand von ca. 70 Stunden betrieben um mir meine Träume zu verwirklichen.
Ich habe fast keinen Urlaub gehabt, um meine Arbeitszeiten zu erfüllen.
Das hat zwar mit Leistungssport viel zu tun, aber rein gar nichts mit Profisport.
Vom letzten Jahr ist vielen von euch noch in Erinnerung, dass ich aufgrund einer persönlichen Überlastung die Saison nach erfolgreichem Auftritt bei der Team – EM abbrechen musste.
Ich veränderte mich erneut.
Ich wechselte meinen Filialstandort. Ich reduzierte meine Arbeitszeit.

Hier schaltete sich mein Verband das erste Mal aktiv in meine “Duale Karriere“ ein und bat um Unterstützung für eine reduzierte Arbeitszeit. Das erste Mal seit 2008 wurde meine „Duale Karriere“ unterstützt.
Vor allem die Ostsächsische Sparkasse Dresden, die in all den Jahren immer an meiner Seite war, trug dazu bei, dass ich überhaupt nochmal eine so einschneidende Veränderung angehen konnte. Ich habe mich nochmals verändert und für den Sport viel mehr riskiert, als viele andere je riskieren würden. Ich habe noch immer einen Arbeitgeber, der mich unterstützt und fördert. Ohne den ich meine Träume nie realisieren hätte können.

Doch was soll ich sagen……………
Ich sitze heute hier und habe den Kampf gegen das Monster der „Dualen Karriere“ verloren. Auch dieses Jahr bin ich an eine Grenze gekommen, die ich nicht mehr überschreiten möchte, nicht mehr überschreiten kann, vor allem aber nicht mehr überschreiten will. Ich bin am Ende meiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit für 2 Karrieren. 2 mal 100% und mehr………. Ich habe immer gekämpft und bin immer wieder neue Wege gegangen. Meine Stärke war es aus jeder Situation das Größtmögliche raus zu holen.
Ich stand dieses Jahr wieder vor einer Situation, die mir all meine Kraft abverlangte. Ich begann mein alljährliches „Wettkampfsystem“ Arbeit, Training, Arbeit, Training, Arbeit, Wettkampf. Zeiten für Regeneration und Wettkampfvorbereitung blieben auf der Strecke. Die eigenen Ansprüche wurden nicht mehr erfüllt. Sowohl beruflich als auch sportlich sind meine Ansprüche auf der Strecke geblieben. Das Schlimmste aber war, dass ich drohte mich selbst zu verlieren. Ich war im privaten nicht mehr ich selbst.
Ich konnte nicht mehr für die da sein, die mir am meisten bedeuten. Ich hatte das Gefühl nicht mehr zu wissen, wie es meiner Familie geht und hatte das Gefühl nicht mehr für Sie da sein zu können.
Ein Umstand, der mir Angst machte.
Ich habe mir, wie schon oft, eine Auszeit genommen. Und ich habe eine Entscheidung getroffen. Für mich und meine Familie. Ich habe Sie ohne Reue, doch nicht ohne Schmerz getroffen. Ich habe eine Verantwortung meinen Mitmenschen, vor allem aber mir gegenüber. Der Verantwortung möchte ich stellen.

Ich beende meine sportliche Karriere.

Ich sehe für mich keine Chance mehr, mein Leistungsniveau zu steigern und die olympischen Spiele erfolgreich zu erleben. Wir reden über „weniger Arbeitszeit“ während sich die Weltspitze weiter entwickelt. Wir reden über Einschnitte bei Trainingslagern während sich die Weltspitze weiter entwickelt.
Aufwand und Nutzen der „Dualen Karriere“ in der man wirklich Karriere machen möchte stehen in keinem Verhältnis. Ein Kampf zwischen David und Goliath, dazwischen ich. Ich möchte mich nicht selbst belügen oder gar betrügen. Ich bin mir in all den Jahren treu geblieben und war meinen Mitmenschen und dem Nachwuchs ein Vorbild. Auch in dieser schweren Entscheidung stehe ich meinen Mann und möchte ein Vorbild sein.
Ich glaube, dass es mir gelungen ist.
Ich gehe mit erhobenem Haupt aus der Arena. Ich habe nicht nur auf der Bahn, sondern auch neben der Bahn viele Rennen gewonnen. Darauf bin ich stolz.

Ich habe die „Duale Karriere“ gelebt wie kein Zweiter. Ich habe für meinen Idealismus gekämpft. Doch sollten wir uns alle überlegen, wie sinnvoll die Forderung von Leistungen in einem wirklichen „Dualen System“ ist und vor allem wie die so hoch gelobte Unterstützung in einem wirklichen „Dualen System“ aussehen müsste.
Das Land will Medaillen, aber in die 2. Reihe investieren will es nicht…………..

Wenn ihr bis hier her gelesen habt, muss ich mich vor euch verneigen.
Ihr seid bis zu Letzt an meiner Seite gewesen und habt nicht nur den Sportler in mir gesehen, sondern auch den Menschen. Vielen Dank an Alle!


„Es sind die Guten Zeiten, die uns am Ende noch erhalten bleiben und zusammen schweißen für ein Leben lang.
Es sind die guten Tage und nur die Besten der Momente bleiben dir und mir am Ende.“

Bakkushan – Alles war aus Gold aus dem Album Bakkushan



Sport Frei!!!



Euer Silvio

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